Das Streichquartett

Sie trägt einen schwarzen Anzug. Und ein weißes Hemd. Wie die Anderen. Die vollen Haare auf Männerart kurz geschnitten und nach hinten gekämmt. Von glänzendem Gel in Form gehalten. Sie sind zu viert. Alle von zierlichem Wuchs. Zarte Hände, weiche Gesichter. Außer ihr. Sie ist kantig. Olivfarbender Teint. Enganliegende Augen, dunkle Schatten darunter. Drei Männer und eine Frau. Sie wirkt am männlichsten.

Die Rede ist vorbei. Warme Worte für die Komponisten Richard Fuchs und Felix Mendelsohn. Jüdischer Abstammung wie sie. Beide schon lange tot. Sie haben hier gelebt. In dieser Stadt, die nun schon seit fast 10 Jahren ihre Stadt ist. Und es ist ein Geschenk ihrer Stadt an seine Bürger. Die Musik im Rathaus. Sechs Wochen vor Weihnachten. Jede Woche ein Konzert.
Sie lässt den Blick über das Publikum schweifen. Die warmen Worte für ihr Quartett klingen in ihr nach: Valentin und Ionel, die Brüder, mit Geige und Bratsche. Sowie Oliver auf dem Violincello. Und sie. Die erste Geige. Sie spielen nicht zum ersten Mal zusammen. Kollegen. Mehr nicht.

Sie steht auf. Spürt die Blicke. Fragend und ungläubig. 120 Augenpaare. Mindestens. Mann oder Frau? Es tut weh.
Sie sieht das zarte Kind mit seiner Geige auf der Bühne, geliebt und umjubelt. Vorbei. Ihr Körper hielt sich nicht an die Regeln. Mann oder Frau? Sie weiss selbst nicht mehr, was sie ist.

Sie räuspert sich. Spricht von Richard Fuchs, der vor den Nazis fliehen musste und sie sieht sich. Auf der Flucht. Vor den Erwartungen und Konventionen.

Sie beschreibt seine Komposition und seine Gedanken in leuchtenden Farben. Nur ihre Gedanken behält sie für sich. Sie ist ein Profi. Ihre Begeisterung reißt das Publikum mit. Die Blicke werden erwartungsvoll. Sie hat es geschafft.

Sie beginnen mit dem Allegro moderato von Richard Fuchs. Die erste Geige wird lebendig. Sie neckt die Bratsche. Lacht mit ihrer Schwester, der zweiten Geige. Tanzt mit dem Cello. Sie trauert und jubelt. Mal gemeinsam. Mal allein. Ein Spiel. Vom Cello getragen. Leicht wie ein Feder.