Das Tal des Mondes

Reisebericht:

Das Tal des Mondes
Valle della Luna, Capo Testa, Sardinien

Gespensterfelsen, Capo Testa

Mai 2018

Valle della Luna. Tal des Mondes. Unser Blick schweift über die Landkarte von Sardinien und bleibt an dem kleinen Capo di Testa im äußersten Norden hängen. Dieser winzigen Klecks umgeben von blauem Meer birgt in seinem Innern ein geheimnisvolles Tal, das Valle della Luna. Das klingt mystisch. Spannend. Und faszinierend.

Wir sind gebannt vom ersten Augenblick an, als wir es entdecken.

Das war vorgestern. Als ein kräftiger Ostwind das Paddeln auf offener See unmöglich machte.
Aber windfinder.com versprach Besserung der Wetterlage in zwei Tagen. Was also tun? Das Valle della Luna, Tal des Mondes – unsere Phantasie arbeitet auf Hochtouren – lässt uns nicht mehr los.
Also gut, wir erkunden das Capo di Testa zunächst per Fuß. Der Rother Wanderführer Sardinien schlägt zwei Touren vor. Die Rede ist von einer zauberhaften Granitlandschaft.

Wir überprüfen das Tal des Mondes per Fuß …

Die Macchia blüht: weiß, rosa, gelb, lila und blau

Es ist Ende Mai und die Macchia blüht in allen Farben: weiß, rosa, gelb, lila und blau eingebettet in sattes Grün. Der Weg führt uns zunächst durch ein dichtes, dorniges Gestrüpp, dann wird der Untergrund sumpfig und steil. Wir steigen in das Tal hinab. 

Valle della Luna, Capo Testa, Sardinie

Plötzlich liegt es vor uns. Das Valle della Luna. Es öffnet sich breit zum Meer. Ein Blütenmeer mit riesigen verstreut liegenden bizarren Felsen breitet sich vor uns aus.

Sie bilden kleine Höhlen und Unterstände. Bieten Mensch und Tier Schutz vor dem Wind, dem Regen oder der Sonne. Aus jeder Ritze wachsen büschelweise Blumen. Farbenfroh aufeinander abgestimmt. Wie von einem begnadeten Gärtner angeordnet und von einer grandiosen Üppigkeit. Es riecht nach Wacholder und Thymian. Und dem Geruch des Meeres. Mehrere Bächlein fließen in diesem Tal zusammen und machen es so fruchtbar. Wir sind sprachlos. Ehrfürchtig.
Wie alle Touristen, die das Tal betreten. 

Ein paar Hippies haben sich in diesem mystischen Tal niedergelassen. Junge braungebrannte Menschen, die für einige Zeit in völligem Einklang mit der Natur leben. Sie haben sich die Höhlen gemütlich eingerichtet. Kleine Kinder und Hunde springen herum, die Stimmung ist heiter und gelassen. Am kleinen Strand verkaufen sie selbstgemachte Ketten aus Muscheln oder Schnitzereien. In den 70 igern war dieses Tal europaweit bekannt für seine „Blumenkinder“. Ihre Fröhlichkeit steckt uns an.

Wir überprüfen das Capo Testa per Seekajak …

Am nächsten Tag weht ein mäßiger Ostwind, so dass wir unsere Seekajaktour vom Westen her also im Windschatten des Capo Testa starten. Wir – das sind Berni mit unserem Hund Johnny im Zweier und ich im Einerkajak. 

Das Capo Testa liegt 4 km nördlich von Santa Teresa. Die schmale Meerenge besteht aus einem Damm über den eine Straße führt, die beidseitig von Sandstränden gesäumt wird. Ideale Einsatz- bzw Ausstiegsmöglichkeiten. Ein Parkplatz ist schnell gefunden. Es ist noch Vorsaison und am Spiaggia Rena di Ponente tummeln sich nur wenige Badegäste. Unser Hund wird bestaunt und fotografiert und dann geht es los.

Das Meer ist unruhig. Kleine spitze Wellen erschweren das Fotografieren. Motive hierfür gibt es jede Menge. Scharfkantige wilde Felseverwerfungen, Überhänge und Höhlen prägen die Küste

Die erste Anlegemöglichkeit findet sich kurz bevor sich das Valle della Luna zum Meer hin öffnet – etwa nach 4 km. Ein fantastischer Sandstrand liegt geschützt zwischen hohen Felsen. Und da treffen wir sie wieder. Die Hippies haben sich hier ihr persönliches Badeparadies eingerichtet. Kaum ein Tourist erreicht zu Fuß oder Boot diesen entlegenen Strand. Sie staunen nicht schlecht, als wir mit den unseren Kajaks bei ihnen anlegen. Aber die Neugierde siegt vor Abgrenzung und als wir etwa eine Stunde später wieder ablegen, tönen herzliche „Ariverderci, ariverderci“ hinter uns her. 

Gespenster in XXL

Nach dem Valle della Luna verändert sich die Küste. Wir sind nun an der äußersten Spitze angelangt. Hier greifen sowohl die Ost- wie auch die Westwinde erbarmungslos an. Also eigentlich immer. Die Felsen sind förmlich „abgeschliffen“.

Riesige Felsen mit grotesken Aushöhlungen dominieren diesen Küstenabschnitt. Im Wechselspiel zwischen Licht und Schatten erscheinen weiße gespenstische Formationen, Fratzen und Fabelwesen vor unseren Augen. Da eine Riesenechse. Dort ein grinsendes Ungeheuer. Unsere Phantasie arbeitet auf Hochtouren. Dazu das Rauschen des Meeres und das dumpfe Dröhnen, wenn das Wasser in einen unterirdischen Gumpen schwabbt. Ich stelle mir das Ganze nachts bei Mondenschein vor. Wenn der Wind heult und die Brandung unheimliche Geräusche macht. Gruselig. Eine würdige Kullisse für einen Horrorfilm.

Und plötzlich begreife ich das Geheimnis des Valle de la Luna: Tal des Mondes. Bei Tag so friedlich, aber bei Nacht erwachen die Felsen zum Leben. In unheimliche Gespenster in XXL.
Ob sie sich fürchteten? Die Hirten und nächtlichen Fischer?

Unterhalb des Leuchtturmes endet das Gruselkabinett und die Felsen verwandeln sich wieder in die üblichen Felsverwerfungen. Wild. Bizarr. Normal. 

Wir schauen zurück. Was das alles nur ein Traum? Da … ein riesiges Steinhuhn nebst Meerschweinchen winken uns aus der Ferne noch zu und fast meinen wir zu hören:
„ …. war doch nur alles Spaß …!“


Capo di Testa
Koordinaten: 41°14’19’’N, 9°8’57’’E
Halbinsel wenige Kilometer westlich vom nördlichsten Punkt Sardiniens
Bekannt für seine bizarr geformten Granitfelsen und Tafoniverwitterungen

Valle della Luna


Märchenhaftes Tal auf der Halbinsel Capo Testa. Der Rother Wanderführer Sardinien bietet zwei Wandertouren hierzu an.

Unsere Etappen
Start: 0,00 km Spiaggia Rena di Ponente
Ende: 
8,70 km Spiaggia Rena di Levante 

Jahreszeit

Ende Mai