Des Karls Ruhe ist gestört

Karlsruhe 2015

Denkmal heißt denk mal, denke ich und…
das Bild, das sich mir von hier oben bietet, ist in der Tat bedenkenswert. 

Der große Marktplatz von Karlsruhe ist von alten Stadthäusern umsäumt; und es ist, als betrachten sie stumm die kleine Pyramide in ihrer Mitte. Mitleidig wie mir scheint. Ein wenig hilflos. Ja, fast entschuldigend. Denn das Denkmal der Stadt, die kleine Pyramide, ist von einem mannshohen Bretterzaum umschlossen. Wie das Kind in der Mitte. Beim Blindekuh spielen. Mit verbundenen Augen. Orientierungslos. 

Vielleicht besser so. Denn es folgt ein Schlachtfeld, als ob eine Katastrophe das gesamte Gebiet ringsum verwüstet und nur die kleine Pyramide verschont hätte. Die Erde hat sich aufgetan und alles verschlungen, denke ich. 

Wären da nicht diese gestapelten rostroten Rohre. Die Baustellenfahrzeuge in orange. Die blauen Container. Die Stahlträger, die wie Mikadostäbe aussehen. Die Bagger mit ihrem gefräßigem Maul. Und Bauarbeiter, die täuschend echt Lego Männchen gleichen. Mit Schutzhelm, Ohrenschützern und orangen Westen. Sie huschen wie Ameisen geschäftig hin und her. Einem geheimen Code folgend. Welches große Kind spielt hier mit Duplo Steinen, denke ich.

Das wirkliche Leben ist von einem weiteren mannshohen Bretterzaun ausgeschlossen. Menschen hetzen vorbei. Beladen mit Einkaufstüten, Aktentaschen, Schulranzen. Das Handy am Ohr. Ein gehetzter Ausdruck im Gesicht. Rastlos. Außerhalb. Wie ich. Grübelnd am Fensterplatz im Cafe Böckeler ehemals Feller. Zweiter Stock. Mitten in Karlsruhe.

Der Lärm lässt sich nicht einsperren, denke ich. Eine Sinfonie der modernen Zeit gespielt vom Baustellenorchester. Das Rattern eines Presslufthammers setzt zum getaktetem Tremolo an, ein Bagger stürzt sich mit heulendem Motor auf seine brachiale Aufgabe. Und dann das fast zarte Knirschen, wenn sich seine Zähne in den Untergrund graben. Die Bläser fallen mit ein. Rückwärtsfahren. Piep-piep-piep. Der menschliche Chor. He, ho. Tremolo. Motorgeräusche. Hupen.

Oh Karl, denke ich, du hast einst geträumt, hier deine Ruhe zu finden, hättest du dir das je erträumt? Die kleine Pyramide ist deine Ruhestätte seit 300 Jahren. Nun ist deine Stadt ist nicht mehr attraktiv genug, heißt es. Die jetzigen Stadtväter wollen mit Langzeitprojekten in die Tiefe gehen. 
Sie meinten es wörtlich, Karl. Du wirst deinen Landeskindern demnächst auf Augenhöhe begegnen. Du wirst staunen. Silberne Würmer werden deine Stadt unterirdisch durchkreuzen. Sie verschlingen Menschen und spucken sie an anderer Stelle wieder aus. Damit sie durchstarten können, ohne Umwege, ohne Zeitverlust. Mit einer Geschwindigkeit, die kein Pferd je erreichen kann. Sie werden mit einem Grollen an dir vorbei donnern. Im 5 Minuten Takt.

Wenn die Augenbinde fällt, wird die kleine Pyramide der Mittelpunkt eines schmucken Platzes sein, denke ich. Ein Blasorchester wird zur Einweihung spielen und die hohen Herren werden sich gegenseitig auf die Schultern klopfen. Reden halten und Applaus ernten. Ein Großaufgebot an Presse. Das Blitzlicht der Kameras. Nachrichten sind schnelllebig. Aber deine Ruhe, Karl, ist für immer vorbei.