Die Kehrwoche

Beitrag zur Schreibwerkstatt: Landeszentrale für politische Bildung Baden-Württemberg, Haus auf der Alb

Meine ältere Schwester ist ein Ass. Und ein Aas.Sie ist intelligent und charmant. Gerade zu brillant. Berechnend und eiskalt.Schon immer. Ich habe sie bewundert und gefürchtet.

Eines Tages sollten wir im Garten meines Vaters Unkraut zupfen. Er hatte frische Salatsetzlinge gesetzt, doch das Unkraut drohte sie zu überwuchern. Es war warm und wir rutschten mit unseren nackten Knien auf der dunklen Erde von Reihe zu Reihe. 

Ich, in Gedanken versunken. Träumend. Den Käfer betrachtend, die Schnecke rettend. 

Meine Schwester dagegen kam gut voran. Sie ackerte fleißig. Das Unkraut flog, der Eimer füllte sich. Das Beet war in Rekordzeit befreit. Von allem. 

Papas Salatsetzlinge zwischen Löwenzahn und Brennnessel – landeten auf dem Kompost! Ich stürzte zu ihr. Tränen standen in meinen Augen. Blankes Entsetzen. Meine Schwester jedoch grinste spitzbübisch: Ich muss nie wieder Im Garten helfen… Und so war es dann auch.

Meine Mutter startete den nächsten Versuch meine Schwester in die wöchentliche Pflicht zu nehmen. Das Treppenhaus zu putzen schien keine allzu schwere Aufgabe für eine 13-Jährige. Die Tätigkeit beanspruchte etwas Zeit, die meine Mutter für sich nutzen wollte. Eine kurze Auszeit vom Haushalt. Ein Schwätzchen mit der Freundin. Am Telefon. Oder so. Nach kurzer Einweisung verlies sie meine Schwester. Doch zum Entsetzen meiner Mutter wässerte sie unser Treppenhaus, in dem sie den Eimer im 3. Stock entleerte und mit dem Wischtuch die Lauge großzügig über alle Stufen verteilte. Ein Wasserfall ergoss sich durch unser Haus. Blubbernd von Stufe zu Stufe. Glänzend und schmierig. Und meine Schwester.? Ein hoffnungsloser Fall. Für die Hausarbeit nicht zu gebrauchen.

Meine Großmutter hatte die zündende Idee. Wie in allen Straßen musste die Kehrwoche wöchentlich getätigt werden. Wegen der Nachbarn und deren Nachbarn.

Und wegen dem guten Ruf. Richtig dreckig war es selten. Samstag war Kehrwochen Tag. Ohne Diskussion. Meine Schwester stand fortan mit dem Besen und dem Kehrblech auf unserem Gehweg. Jeden Samstag von 10:00 – 10:30 Uhr. Und es nutzte ihr nichts, den Dreck von rechts nach links zu fegen. Den Eimer kaum zu füllen. Das war nicht wichtig. Darauf kam es nicht an.