Du bist anders

Nach dem ersten Bärenbuch Du siehst Gespenster, reifte die Idee aus dem Kinderbuch eine kleine pädagogische Serie zu gestalten. Wie war das noch einmal? Was bewegte uns damals? Vor was hatten wir Angst?

Mit dem zweiten Text Du bist schuld schneiden wir das Thema Schuld an. Ich kann machen, was ich will … immer bin ich schuld! Wer kennt diesen Spruch nicht? Warum fühlen wir uns so oft schuldig? Zu Unrecht. Wie wir finden

Der dritte Text handelt nun vom Verschiedensein: „Du bist anders“. Manchmal ist es die äußere Erscheinung, manchmal sind es die inneren Werte. Jemand ist anders. Ich bin anders. Müssen wir denn alle gleich sein? 

Du bist anders

Hoch auf der alten Eiche piepsen die jungen Spatzen fröhlich aus dem Nest und der kleine Bär schaut sehnsüchtig nach oben. „ Ach, hätte ich nur einen Bruder zum Spielen ….“, und malt sich das Nest voller kleiner Bären aus. „Wie schön wäre das.“
„Hallo ihr da… kann ich ein bisschen zu euch kommen?“, bettelt er leise. „Ich bin so allein.“

„Wie..? Du…?!“, zwitschert es aufgeregt aus dem Nest und drei Köpfchen erscheinen am Rand.
„Du bist viel zu groß für unser Nest!“, stellt das Kräftigste fest und beäugt ihn neugierig von oben. 
„Du hast keine Federn… Du bist anders als wir“, und reckt sich noch weiter aus dem Nest um besser sehen zu können. 

Plötzlich purzelt es Hals über Kopf aus dem Nest und landet dem kleinen Bär direkt vor den Tatzen. Die Beiden schauen sich erschrocken an. „Ich fürchte mich nicht vor dir …“, stammelt der kleine Vogel mutig und schielt auf die Krallen des kleinen Bären, „aber ich möchte wieder in mein Nest zurück. Du bist ein Bär …“ 

Aufgeregt flattert der kleine Spatz mit seinen kurzen Flügeln und hopst in kurzen Sprüngen um den kleinen Bären herum. Bald hält er erschöpft inne: „Ich kann noch nicht fliegen, ich bin verloren …“. Traurig lässt er sein Köpfchen sinken. Da macht sich der kleine Bär ganz klein und flüstert: „Ich bin anders …“.

Den ganzen Tag wacht der kleine Bär über das Vögelchen. Mit seinen Krallen gräbt er die Erde um und legt ihm Würmer vor die Füße. „Hab keine Angst, ich sorge für dich…“ ermutigt er es. Am Abend bereitet er ihm mit seinem Körper ein warmes Nest und setzt es sanft hinein. „Schlaf gut, mein kleiner Freund…“.

Der Mond scheint hell durch die Blätter der alten Eiche und der Fuchs schleicht um den schlafenden kleinen Bär herum. „Ich sehe, du hast einen schmackhaften Vogel. Ich habe so einen großen Hunger. Teilen wir ihn uns?“, weckt er ihn auf. Der kleine Bär schaut ihn erschrocken an: „Das ist kein Vogel … das ist mein Freund.“

„Schau dich an. Du hast keine Federn und du kannst nicht fliegen. Du bist anders“, raunt der Fuchs. „Du bist wie ich. Du hast ein Fell und vier Pfoten. Du kannst mein Freund sein …“ Gierig umrundet er den kleinen Bär. „Nein, er ist mein Freund“, erwidert der kleine Bär trotzig. „Lass uns jetzt schlafen“, und er gähnt: „Wir sind müde.“

Früh am Morgen trottet der kleine Bär mit seinem Vögelchen zum See und betrachtet ihr Spiegelbild im Wasser. Er stellt sich auf zwei Pfoten und rudert mit den Armen auf und ab. Das sieht lustig aus. Das Vögelchen macht sich so groß es kann und trampelt breitbeinig umher. Vor lauter Lachen fallen sie erschöpft ins Gras.

„Du bist ein riesiger Vogel mit einem Fell und vier Pfoten“, zwitschert das Vögelchen. „ Und du bist ein winziger Bär mit Federn und einem Schnabel“, japst der kleine Bär. „Wir sind anders. Trotzdem sind wir Freunde!“ Glücklich setzt der kleine Bär das Vögelchen auf seinen Rücken. Es gibt viel zu tun. Wenn man Freunde hat.

Unter der alten Eiche piepst der kleine Vogel zu seinen Geschwistern ins Nest hinauf: “Das ist ein kleiner Bär. Er ist anders als wir … Er hat keine Federn und kann niemals fliegen … aber das macht nichts. Ich werde ihm von unserer Welt in den Bäumen berichten. Ich bin seine Augen in der Luft.“ Aufgeregt hüpft der kleine Spatz umher: „Denn wir sind Freunde.“

In die Dunkelheit des Fuchsbau unter den dicken Baumwurzeln der Eiche, flüstert der kleine Bär: „Das ist ein kleiner Vogel. Er ist anders als wir… Er hat zwei dünne Beinchen und ist sehr schwach … aber das macht nichts. Ich passe auf ihn auf. Ich werde ihm meine Welt zeigen und …“, freut er sich, „ zusammen werden wir viel Spaß haben, denn wir sind Freunde.“