Ich bin auf dem Weg

Beitrag zur Schreibwerkstatt: Landeszentrale für politische Bildung Baden-Württemberg, Haus auf der Alb

Ich bin auf dem Weg. Seit 6 Uhr. Die Luft riecht nach dem Regen, der in der Nacht fiel. Das Gras duftet süß. Die Sonne lächelt mild in dieser frühen Stunde. Aber ich weiss, es wird heiß werden. Heute mittag. 

Es ist still. Nur meine Schritte. Und das Vogelgezwitscher. Der Weg ist steil und mein Rucksack drückt auf meine Schultern. Mein ganzes Hab und Gut. Man braucht nicht viel. Unterwegs. Meine spezielle Outdoor – Ausrüstung. High Tech. Ich muss lächeln. Bis auf wenige Dinge habe ich alles verschenkt. Und dennoch. Meine Schultern sind wund. Ich bleibe stehen und rücke meine Polster unter den Gurten zurecht. Gelbe Spülschwämme. Überall zu bekommen. So einfach und so wirkungsvoll.

Mein Blick folgt dem Weg. Ein Pfad. Nicht mehr. Ein Pfad über einen Berg. Dahinter das Meer. Ich will den Berg noch vor der Mittagshitze überqueren. Der Geruch des Meeres ist schon zum Greifen nah. Unter mir das Tal. Friedlich und still. Blauer Himmel, grüne Wiesen, ein gurgelnder Bach. Ich habe keine Eile. Und laufe soweit ich komme. Jeden Tag ein Stückchen weiter. Es gibt sonst nichts zu tun. Ich esse unterwegs. Lege keine Vorräte an. Schleppe keinen Ballast mit mir herum. Vertraue auf  den Weg und den Begegnungen unterwegs. 

Ein Espresso wäre schön. Der Weg schlängelt sich den Berg hinauf. Eine Biegung und noch eine. Und dann plötzlich ein Bergdorf. Die Häuser aus groben Steinen gebaut. Schmale Gässchen. Es riecht nach Kaffee. Ich folge dem Duft und lande in einer kleinen Bar. Kleine weisse Tische im Freien. Eine atemberaubende Aussicht. Ein Hahn kräht. Irgendwo. Es riecht nach Ziegen. Ein Junge wischt den Regen von den Tischen. Ich lasse mich zufrieden auf einen Stuhl sinken. Wie schön es hier ist. Der Junge hat seine Arbeit beendet. Er bindet sich eine Schürze um und eilt an meinen Tisch um die Bestellung aufzunehmen.

Er blinzelt mich an, sein Blick fällt auf den Tisch. Er errötet. Blitzschnell verschwindet er in der Küche und kommt mit einem Putzeimer wieder. Sein Blick ist gesengt. Dichte lange Wimpern. Er schämt sich. Ich blicke irritiert auf meinen Tisch. Gelbe Spülschwämme. Überall zu bekommen. Meine Schulterpolster.

Er schrubbt den Tisch blitzblank. Ich kann ihn nicht abhalten. Mein spanisch reicht nicht aus. Er versteht nicht. Ich bekommen einen Espresso extra groß. Und male mir aus, was geredet wird in diesem verlassenen Dorf. Von den Deutschen. Die kommen und den Weg laufen. Und ihr eigenes Putzzeug mitbringen. So sind sie. Die Deutschen. So ordentlich. Ich lächle, während ich aufstehe und meine Schulterpolster zurecht rücke. Wieder ein Erlebnis. wie so viele.

Und du willst wissen, wie es ist den Weg zu laufen? Diesen Weg, den schon so viele gegangen sind? Seit Jahrhunderten? Immer und immer wieder? Ob da was dran ist, willst du wissen? Und ob es sich lohnt. 

Ich schaue dich an und suche nach Worten.