Korsika

Wärest du ein Mensch, Korsika, dann sähe ich dich als eine alte weise Frau. Du würdest in einer Hütte in den Bergen leben. Davor eine Bank, auf der du dich beim letzten Sonnenstrahl vom Tag ausruhst. 

Du bist schon sehr alt, knochig und die Beine wollen nicht mehr so recht. Aber dein Lebenswille ist ungebrochen. Man sieht es an deinen Augen. Blau wie das Meer, das du von deiner Bank aus sehen kannst. 

Die Wände deines Hauses wären aus den Steinen der Umgebung zusammengesetzt und unter der Decke hingen wilde getrocknete Kräuter: Thymian, Rosmarin und Salbei. Ein paar Ziegen knabbern an dornigen Zeigen und mitunter verirrt sich ein Zicklein zu dir, in deine Hütte. 

Wenn Besucher über deine Schwelle träten, würde der würzige Geruch und die Wärme sie wohlig begrüßen. Aber du, Korsika, würdest nicht jeden hineinlassen. Oh nein. Denn du liebst keine Besucher. Sie stören dich. Stören deine Einsamkeit. 

Aber früher, da warst du eine Kämpferin. Hast die Verfolgten und Wehrlosen bei dir aufgenommen. Und unter dem dichten Dach der Macchia verborgen. Sie lebten gut bei dir. In grotesken Felsformationen so groß wie Hütten richteten sie sich ein. Tranken aus deinen sprudelnden Bächen und badeten in deinen glasklaren Gumpen. Sie waren frei, wild und versorgten sich mit dem was sie fanden:  Ziegen, Schweine, Hasen, Vögel, Fische und den Früchten deiner üppigen Natur. Stolze und unbeugsam Männer.

Das ist lange vorbei. Heute wohnen deine Kinder in kleinen hübschen Städtchen; ihre Häuser sind auf Klippen gebaut oder krallen sich an den Hänge der felsigen Bergrücken fest. Ton in Ton heben sie sich kaum ab von ihrer Umgebung. Sie fahren mit dem Auto auf kurvigen Straßen und gehen einer geregelten Arbeit nach. Aber ihr Temperament ist geblieben. Ihr Zorn rabiat. Zerschossene Straßenschilder und gesprengte Hotelanlagen überall.

Wärest du eine alte Frau, Korsika, würdest du mitleidig auf die Touristen an den herrlichen Badebuchten hinunter schauen. Die teueren Schiffe, der Luxus  – was sie suchen, hast du schon längst gefunden. Und es kommen immer mehr. Fähre um Fähre spucken Unmengen an Menschen aus. Suchende. Inzwischen bevölkern sie auch die Berge. Klettern auf jeden Gipfel. Und sehen sich satt an deiner wunderbaren Gestalt. Man hat Wanderwege angelegt, Parkplätze geschaffen und Hotels gebaut. 

Als es dir zu viel wurde, bist du weiter nach oben gezogen. Viel Platz hast du nun nicht mehr. Aber man darf dich nicht unterschätzen, Korsika. Du hast Kanten und Ecken. Bist schroff und barsch. Schon so viele haben versucht, dich einzunehmen. Dich auszubeuten. Nein, du traust keinen Fremden. 

Du bist ein gewaltiger Berg. Mitten im Meer.