Liebes Corona Virus,

zuerst haben wir dich nicht wahrgenommen. Das tut mir leid.
Du warst so weit weg. Am anderen Ende der Welt sozusagen. Trotz Internet und Nachrichten, trotz den Bildern von überfüllten Krankenhäusern. Wir haben dich gesehen und doch nicht gesehen. Stumpf in den Bildschirm gestarrt. Was geht uns das an?

Dann kamst du nach Europa. Das ging ganz schnell.
Du warst plötzlich ganz nah. Und wir konnten es nicht glauben, was wir am Bildschirm sahen. Die Menschen im Nachbarland kämpften gegen deine Ausbreitung und wir sahen fassungslos zu. Wir trauten uns nicht einmal zu helfen, aus lauter Angst vor dir. Was kann man da nur machen?

Auf einmal warst du mitten unter uns. Keiner weiß so genau wie.
Du bist für uns unsichtbar. Wie ein Geist ziehst du durch die Straßen. Am Bildschirm konnten wir die Zahlen der Neuinfektionen beobachten. Jeden Tag mehr. Dann verbarikierten wir uns, besuchten unsere Freunde nicht mehr, horteten Klopapier und fürchteten um unsere Jobs. Wie lange hält man das durch?

Du bist winzig klein. Das haben wir unterschätzt.
Wir Menschen sind hochtechnologisiert. Können Naturkatastrophen hervorsagen und Einschläge aus dem Weltall berechnen. Krankheiten entschlüsseln und Vorsorge treffen. Wir arbeiten hart. Für dieses Stück Sicherheit. Aber du hast uns kalt erwischt. War das wirklich nötig?

Von uns aus bist du weitergezogen. In die ganze Welt.
Du wirst es nicht glauben, aber geteiltes Leid ist wirklich halbes Leid. Wir verglichen die Zahlen am Bildschirm und stellten fest, dass es den Menschen überall auf der Welt nicht gut geht. Das beruhigt. Irgendwie. Und in China ist die Krise schon überwunden. Das gibt Hoffnung. Vielleicht ist alles halb so schlimm?

Du hast uns völlig ausgebremst. Doch nicht für lange.
Wir treffen alle möglichen Vorkehrungen. Aber du bist immer da. Die Zahlen am Bildschirm bestimmen nun unser Leben. Masken, Desinfektionsmittel und bloß keine Gruppenbildung. Aber Arbeiten dürfen wir wieder. Sonst kommen wir auf dumme Gedanken. Wäre das wirklich so schlimm?

Du bist viel konsequenter wie wir. Das steht fest.
Wir möchten keine Veränderung. Verstehst du das nicht? Unseren ganzen Alltag stellst du auf den Kopf. Den Urlaub verbringen wir schon im eigenen Land. Aber weißt du was? Es ist schön hier. Das haben wir bislang gar nicht gesehen. Und ich freue mich auf meine Freunde. Es ist gut sie zu haben. Was machen wir denn jetzt mit dir?

Eigentlich hast du viel erreicht. Mehr wie jeder vor dir.
Wir denken jetzt nämlich nach. Was sind Grenzen angesichts deiner Geschwindigkeit? Wie gehen wir mit der Natur um? Wie mit unseren Nutztieren? Was brauchen wir wirklich? Und was ist mir wichtig im Leben? Wir wachen auf aus unserem Traum vom Angebot und der Nachfrage. Wo führt das alles hin?

Du wirst uns noch ein Weilchen begleiten. Das ist auch gut so.
Wir brauchen noch etwas Zeit. Denn wir haben uns im Konsumdschungel verirrt. Mit allen seinen Konsequenzen. Wir verschulden uns bis ans Lebensende und sehen vor lauter Modediktat den Menschen nicht mehr. Wir müssen uns wiederfinden. Uns und unsere Mitmenschen. Das ist der Anfang

ich kann dich nicht sehen. aber ich weiss du bist da.
Deine Renate