Tanzen mit dem Boot

Freestyle Canoeing

Ich bin auf dem Wasser. In meinem Boot. Der Wind bläst unruhig und ich kuschele mich in eine Ecke des kleinen Hafenbeckens. Hier ist es gut. 

Ich setzte den ersten Takt mit einem Axel onside. Aber wir beide sind noch etwas steif, mein Boot und ich. Also verordne ich uns ein paar Tonleiterübungen: Axel onside, Axel offside, Axel high knee, Axels in allen Varianten und Quadranten. Fühlt sich gut an. 

In meinem Kopf formt sich die erste Melodie. Da höre ich sie. Stimmen. Viele. Ich schaue zum Damm. Irgendwo muss sich ein Reisebus entladen haben. Bunte Mützen, knallige Jacken und ein Geschnatter wie in einem Hühnerstall. Mitten in der winterlichen Natur. Mitten in meinem Tanz.

Etwas befremdet schaue ich nach oben. Als ob Papageien sich verirrt hätten. Das ungewohnte Publikum bringt mich aus dem Takt. Ich mahne uns zu mehr Konzentration. 

Ein lautes „OOOOOHHHHHH“ lässt mich erneut innehalten. Ein dunkler Schatten schwebt kurz über mir um sich dann mit einem lauten Platschen ein paar Meter von mir entfernt ins Wasser fallen zu lassen. Ein Schwan. Ich bin in seinem Wohnzimmer. Tut mir leid. Heute geht es nicht anders. Der Wind. Du verstehst? Er versteht nicht. Er erklärt mir in seiner zischenden Sprache, dass er nicht gewillt ist, so leicht klein beizugeben. Ich beeindrucke ihm mit ein paar eleganten Freestylemanöver. Dabei richte ich mich stolz auf. Mache mich noch etwas größer. Schwinge das Paddel weit. Das imponiert ihm. Meine Knie zittern.Er erlaubt mir hier zu bleiben. Mein Papageienpublikum hat sich für einen Imbiss bei den Naturfreunden entschieden und löst sich langsam auf. 

Endlich. Ruhe. Ein Blick zur Uhr. Ich habe nur noch 20 Minuten. Jetzt aber ran.

„Ist das ein Holzboot?“ ruft eine Stimme. Was? Das darf nicht wahr sein. Ignorieren. Genug der Störungen heute. Post onside. „He Sie, ist das ein Holzboot?“. Es hilft nichts. Einer von der hartnäckigen Sorte. Er steht an den breiten Stufen des kleinen Hafenbeckens. Knallig blauer Ski-Anorak, schwarze Mütze. 
„Ja.“ Einsilbig. Nur keine Aufforderung zum Gespräch. Holzboot. Ein beliebtes Thema. Stundenfüllend. Setze noch einen Post mit gestrecktem Bein auf dem Sülrand nach. Visualisiere volle Konzentration: Bitte jetzt nicht stören.
„Von welcher Firma ist denn das…?“ Oh nein. Ich bin nicht gewillt so schnell klein bei zu geben. Barsch schleudere ich in seine Richtung:
„Hat ein Künstler aus Cottbus gebaut. Frame, die Boote heißen Frame.“ 

Wedge. Christie. reverse Post. Er denkt nach. Hat er wohl noch nie gehört. Er wendet sich zum Gehen.
„Aber eigentlich … sind Sie ja auch ein Künstler …“

Ich lasse das Paddel sinken und schaue ihm verblüfft nach.